Die Sportplatz-Story

Die Geschichte vom Bau der Sportanlage in Frankenhain

von Gottfried Herbst


Vorwort

„Wer baute das siebentorige Theben ?

In den Büchern stehen die Namen von Königen..

Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?“


(Brecht: Fragen eines lesenden Arbeiters)


Dies ist die Geschichte vom Bau der Sportanlage in Frankenhain und den fleißigen, hilfsbereiten und uneigennützigen Bauleuten, welche über Jahre hinweg „die Felsbrocken herbeischleppten“. Das waren Leitungsmitglieder und Arbeiter umliegender Betriebe, Eltern unserer damaligen Schüler, Bürger der Schuleinzugsgemeinden, Lehrer der Schule Frankenhain und viele Schüler mit ihren flinken kleinen Händen. Und das war der Bürgermeister der Gemeinde Frankenhain, Ernst Augustin. Während auch er mit zupackte, besteht sein Verdienst vor allem darin, dass er Steine aus dem Weg räumte, die den Erfolg der gemeinsamen Anstrengungen oft erschwerte oder gar zu verhindern drohten. Nie, während der gesamten Bauzeit, wurde ich in die Problematik der Finanzierung, Grundstücksregelungen und Genehmigungsverfahren eingebunden. Dies alles regelte unsere Bürgermeister abseits der großen Bühne „Bauplatz“, während meine Hände und mein Kopf frei blieben für die praktische Arbeit vor Ort. Wenn ich mit einer dieser Fragen ins Gemeindeamt kam, hörte ich meistens von Frau Siegrid Müller, die mit Akribie und Gewissenhaftigkeit über die Finanzen der Gemeinde wachte: „Das hat Herr Augustin schon erledigt“ oder: „Deswegen ist der Bürgermeister gerade unterwegs.“ So darf man, wegen seiner bleibenden Verdienste für die Gemeinde Frankenhain neben dem Sportplatzbau, in der Umkehr des Zitates aus Berthold Brechts Gedicht den „Namen des Königs in den Büchern“ nicht vergessen: Ernst Augustin.

Gottfried Herbst

   

Der Frankenhainer Sportplatz


Wer weiß, ob meine niedergeschriebenen Erinnerungen jemals einem Menschen des Lesens wert sind. Da es sich aber um ein Bauwerk handelt, das hoffentlich die Zeit seiner Bauleute weit überdauern möge, wird wohl dereinst seine Entstehungsgeschichte das Interesse des einen oder anderen erregen auf Spurensuche aus Frankenhainer Entwicklungsgeschichte.

Denn vor allem die Jugend möge es sein, die immer wieder Besitz ergreift und Wert erhält des wunderschönen Stück Heimatlandes zwischen Schule und Kirche, 1968 kündigte ich den Dienst an meiner ersten Wirkungsstätte nach dem Studium, der Maxim-Gorki-Oberschule Frohburg.

In Frankenhain wurde eine Lehrerstelle frei, wenn auch dort nur Schüler bis zur achten Klasse unterrichtet wurden, was meinen ohnehin bescheidenen Gehalt schmälern würde. Meine Bemühungen für Frankenhain führten zum Erfolg! Um es vorwegzunehmen: Ich habe diesen Schritt nie bereut.


Mein Vorgänger, Kollege Arnd Herrschelmann, war Basketballfan und wollte sich wohl in dieser Richtung irgendwie und irgendwo verbessern. Zurück ließ er einen Basketballplatz mit schwarzer Schlacke belegt und zwei einbetonierten Ständern mit Schild und Korb. Diese Anlage befand sich auf dem Sportplatz, den zu beschreiben einige Zeilen wert sind. Etwa zehn Minuten von der Schule entfernt zwängte sich der Platz zwischen eingezäunte Privatgrundstücke in Niederfrankenhain. Ein schmaler Weg führte zwischen Zäunen hin zum Platz, der aus groben Rasen, einer vergrasten 60 mal 1,50 m – Schlackelaufbahn- und besagtem Basketballplatz bestand. Zwei Fußballtore aus rostigem Stahlrohr, ohne Netz und in x-beliebiger Abmessung standen etwa 40 Meter voneinander entfernt. Ein kleiner Bach murmelte im tiefen Graben längs des Platzes übelriechend und träge dahin. Hier versuchte ich recht und schlecht, den Lehrplan im Sportunterricht zu erfüllen.

Beim Schlagballwurf verbrachten wir oft mehr Zeit mit dem Suchen der Bälle, statt mit ihnen zu werfen. Bei Ballspielen schlugen zu weit gespielte Bälle immer wieder jenseits der Zäune in Salatbeete oder Obstbäume ein. Über zertretene Erdbeeren, heruntergerissene Früchte und abgebrochene Zaunlatten machten die geschädigten Nachbarn ihrem berechtigten Unmut immer wieder lautstark Luft. Gleichermaßen rang ich immer wieder um Fassung wegen Nachbars Hühnern. Wohliges Pudern in der sonnenwarmen Schlacke hinterließ tiefe Mulden, die beim Sport zu heimtückischen Verletzungsquellen wurden. Und beim Grasen auf dem Sportplatz hinterließ das liebe Federvieh seine Verdauungsrückstände, auf denen wir ausrutschten oder die wir als stinkende Stempel an unserer Kleidung fanden.

Mit Hammer und starken Nägeln ausgerüstet, befestigte ich immer wieder und wieder die Latten, die von dem „pfiffigen Hühnern“ immer aufs Neue „losgedrückt“ wurden. Meinen Ärger darüber konnte ich als neuer Lehrer nicht gleich lautstark Luft machen, wenn mir auch oft die Galle kurz vor dem Überlaufen war, und wohlbedachte Kritik kümmerte die Hühnerhalter genauso, als hätte ich sie an die Hühner selbst gerichtet.

Dann wurde der Bach verrohrt! Diese Maßnahme fand freundlicherweise während der Sommerferien statt und nährte in mir die Erwartung, dass wenigstens ein Übel auf meinem Arbeitsfeld beseitigt würde. Doch welch ein Anblick bot sich mir, als ich im September das Verrohrungswerk in Augenschein nahm: Wilde nackte Lehmerde markierte in breiten Streifen den Verlauf der Rohrleitung längs und fast durch die Mitte des Platzes! Und das Schlimmste: Mehrere Kontrollschächte mit ihren Betonkonen und der Abdeckplatten ragten etwa einen halben Meter aus der Erde – mitten auf einem Sportplatz!

Das war das Letzte und schließlich der Anstoß dazu, dass ich überall und zu jeder passenden Gelegenheit meiner Kritik und meinem grimmigen Unmut Ausdruck verlieh.

Wie oft stürzten Kinder beim Ballspielen über den Kontrollschacht, rutschten bei nassem Wetter auf dem schmierigen Lehmboden aus oder schlugen sich die Haut auf, wenn die Sonne daraus betonharten Belag gebrannt hatte. Was nutzte es da, dass uns keine Bälle mehr in den Graben rollen konnten.

Während die Wünsche meiner Kollegen in den naturwissenschaftlichen Fächern nach besserer Ausstattung und günstigeren Bedingungen für ihren Unterricht fast immer Gehör fanden, hatten sich die ohnehin schon miserablen Bedingungen für meinen Sportunterricht weiter verschlechtert. 

Die langen zeitraubenden Anmarschwege mit den Schulklassen zum Sportraum im Saal der Gaststätte Rössner in Niederfrankenhain und zum Sportplatz erlaubten nur Doppelstunden. Sämtliche Sportgeräte mussten auf dem An- und Abmarschweg mitgenommen werden, und der Zustand der Sportstätten war jämmerlich.

Um den Lehrplan im Sportunterricht halbwegs erfüllen zu können, führten wir Leistungskontrollen der Schüler im Lauf auf der Landstraße durch. Das war die einzige Möglichkeit, damit sich unsere Schüler ihre Zensuren in diesem Fach durch die widrigen Bedingungen auf dem alten Platz nicht völlig verdarben. Doch barg diese Art von „Sportunterricht“ viele Gefahren in sich: Bei einem Sturz auf dem rauen Straßenbelag musste es zwangsläufig zu schlimmen Abschürfungen oder zerrissener Sportkleidung kommen. Das geschah auch hin  und wieder und hatte den berechtigten, wenn auch verhaltenen Protest der Eltern zur Folge. Dieser außergewöhnliche Sportbetrieb führte obendrein dazu, dass der Straßenverkehr beeinträchtigt wurde. Wie immer und überall unterschieden sich auch hierbei geduldige und verständnisvolle Kraftfahrer von solchen, die auf ihr „Recht“ pochten und uns rücksichtslos und mit Gezeter von der Straße drängten.

So konnte es nicht weitergehen. Dass Maß ist voll!

Wenn ich im Giebelzimmer 6 Deutsch unterrichtete, erfreute ich mich zuweilen an dem wunderbaren Blick bis hin zur Windmühle und weithin bis nach Tautenhain und Ebersbach. Die Bebauung existierte damals noch nicht. Dabei bewegte mich mehr und mehr und immer zwingender eine Idee. Direkt vor der Schule lag, zwischen Friedhof und Pfarrgrundstück einerseits und der Straße nach Tautenhain auf der anderen Seite, ein Stück Acker. Im Eigentum der Kirche war es vor der Gründung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) Frankenhain vom Tischlermeister Krasselt und später vom Gastwirt Meißner gepachtet. Das hatte ich aus Gesprächen erfahren. Jetzt wurde es von der LPG bewirtschaftet, die auf diesem Flecken mit ihren Großgeräten mehr Platz zum Wenden brauchten, als sie bestellen konnten.

Ich projizierte in Gedanken auf diesen Feldfutterschlag – einen Sportplatz! Jedem Bauwerk in der Geschichte, und sei es noch so klein oder so gewaltig gewesen, ging eine Vision voraus. Sollte es mir nicht gelingen, andere maßgebliche Personen mit meiner Vision zu infizieren, sie zu begeistern und so eine ideelle Basis zu schaffen? Unserer Bürgermeister, Ernst Augustin, den ich als Ersten ansprach, brauchte ich nicht lange zu „beharken“. Ernst war einer der wenigen Bürgermeister, der nicht in der Staatspartei integriert war. Diesen Leuten wurde in ihrer Arbeit besonders genau auf die Finger gesehen, um ihnen irgendwann etwas anhängen zu können. Aber gerade das stachelte unseren Bürgermeister an, bürgernah für das Wohl der Frankenhainer zu rackern. Kein Wunder, dass er sofort Feuer fing und nach dem „Was“ auch unverzüglich über das „Wie“ beraten wurde. „Als erstes brauchen wir das Feld – ideale Lage!“ ging Ernst die Sache an. Und so saßen wir zwei eines Abends schon bald im Gasthof Meißner dem Vorstand der LPG gegenüber.

Einziger Tagesordnungspunkt: Aufgeben des Feldes im Schul-Kirchwinkel an die Gemeinde. Nachdem ich unsere Vorstellungen über den Bau einer Sportanlage vorgetragen und begründet hatte, warum der Bau gerade auf diesem Acker geschehen sollte, begann die Diskussion.

Am Runden Tisch saß, noch vom Spätnachmittag her, Pfarrer Lösche und trank sein Bierchen. Immer wieder, wenn unsere Argumente bei dem einen oder anderen Vorstandsmitglied sichtbares Kopfnicken auslöste, mischte sich Pfarrer Lösche ins Gespräch: Pietätlosigkeit, einen Sportplatz neben den Friedhof bauen zu wollen!“ und „Störung der Totenruhe.“, oder: „Wie stellen sie sich das vor, meine Damen und Herren, wenn meine Grabrede oder Predigt ständig vom Sportplatz her von Torschreien unterbrochen wird!“ Auf der anderen Seite: „Ja, ja, da hat der Herr Pastor recht.“ Bürgermeister Augustin sah mich sorgenvoll an und schüttelte verärgert und sorgenvoll den Kopf. Was sollte das bedeuten? Aufgeben oder kontern? In dieser heiklen Situation flog mir ein rettender Gedanke zu: „Herr Meißner“, so fragte ich den Wirt, „ist diese Versammlung eine geschlossene Veranstaltung?“ „Natürlich, Herr Herbst!“ „Ist Pfarrer Lösche zu dieser Veranstaltung eingeladen worden?“ fragte ich den LPG-Vorsitzenden, Willi Endmann.„Nein, das haben wir nicht.“ „Dann bitte ich sie, Herr Meißner, als Wirt und Hausherr den Herrn Pfarrer zum Verlassen des Versammlungsraumes aufzufordern.“ Entsetztes Schweigen im Raume. — „Ja Herr Pfarrer, der Schulmeester hat recht“, unterbrach der Wirt die spannungsgeladene Stille. „Trinken sie aus und verlassen sie bitte den Raum.“ Im Raume aber blieben die Zweifel bei dem einen oder anderen Vorstandmitglied, das war unverkennbar. Wem sollte man glauben, dem Sportlehrer, zu dem man die eigenen Kinder und Enkel in die Schule schickt oder dem Pfarrer, aus dessen Munde man sonntags Gottes Wort vernimmt? Wir fürchteten Schlimmes! Und so griff ich, noch bevor es zur Abstimmung kam, zum letzten verzweifelten Damenopfer: „Wenn sie heute Abend die Nutzung des Feldes zum Sportplatzbau ablehnen, lege ich morgen die Kündigung auf den Schreibtisch meines Schuldirektors!“ Da ich das genauso ernst gesagt hatte, wie ich es meinte, sahen mich alle entsetzt an. Während der anschließenden Beratung und Abstimmung wollte der Vorstand unter sich sein. „Hast du das vorhin wirklich ernst gemeint?“ fragte mich der aufgewühlte Bürgermeister.

„In einem Ort, in dem unsere gemeinnützigen Zukunftspläne wie im Mittelalter behandelt werden, mag ich nicht länger Lehrer sein!“ Wir wurden zurückgerufen. — Mit erregungsglühendem Gesicht verkündete uns Willi Endmann das Abstimmungsergebnis: „Die LPG Frankenhain stellt der Gemeinde Frankenhain den Schlag im Schul-Kirchwinkel zur Verfügung.“ Wie lange wir danach noch zusammensaßen und mit wie viel Gläschen Bier diese Entscheidung begossen wurde, vermag ich nicht mehr zu sagen. In der lockeren Gesprächsrunde rückte der Tischlermeister Max Krasselt an meine Seite. Er hatte auch Ackerland in die LPG eingebracht und gehörte dem Vorstand an. „Herr Herbst, wenn sie auf dem Flurstück anfangen zu planieren, dann achtet auf eine Felsspitze!“ Jedes Jahr beim Pflügen oder Hantieren dieses Ackers habe er sich daran das Ackergerät beschädigt. „Eema sunnchsviermittche“ (einmal Sonntagvormittags) habe er den Felsen freilegen wollen. In etwa einem Meter Tiefe habe er jedoch aufgegeben. Nachdem ich mich für diesen gutgemeinten Rat bedankt hatte, schalteten wir uns wieder in die Stammtischgespräche ein. Das vereinbarte Dreiertreffen zwischen Willi Endmann, Bürgermeister Augustin und mir fand am nächsten Morgen pünktlich vor Ort statt.

Modell des Sportplatzes

Ich hatte meinen Grobaufriss mit den Konturen der künftigen Sportanlage dabei sowie einen Hammer und etliche Pflöcke.

Während über die Breite des Platzes wegen der natürlichen weiten Begrenzung nicht gesprochen werden brauchte, war für die Länge ein bestimmtes Maß vonnöten. Ein regelgerechter Fußballplatz und eine umlaufende zweispurige 400 m-Laufbahn sollten darin entstehen. Wir hatten die Längenbegrenzung schon vorher vermessen, und so stellte ich mich in der üppig wachsenden Luzerne auf die gedachte Linie. „Bis hierher und keinen Meter weiter!“ bestimmte der LPG-Vorsitzende und stand etwa sechs Meter von mir entfernt. Ich bat ihn, doch um der Sache willen, auf die paar Quadratmeter Ackerland zu verzichten. Auch der Bürgermeister beschwor Willi Endmann mit eindringlichen Worten, doch das Projekt nicht zu verstümmeln. „Bis hierher und keinen Meter weiter!“ Ich versuchte mit freundlichem Lächeln und ein paar lockeren Worten die Situation zu entkrampfen, ging zu ihm hin und drückte ihn sanft an die Schulter. „Geben sie bitte ihrem Herzen einen Stoß und gehen sie doch bitte noch sechs bis acht Schritt vor.“, bat ich. „Rühren sie mich nicht an“, schnaufte mich der Vorsitzende an, „Sonst betrachte ich das als Angriff auf meine Person!“ „Lass sein, es hat keinen Zweck, wir müssen halt sehen, wie wir mit der Fläche zurechtkommen.“ hielt Ernst Augustin das Schlusswort. Stumm schlug ich die Begrenzungspflöcke ein und wusste, dass hier und heute durch eine engstirnige Einmannentscheidung für alle Zeit das Urteil über Gestalt und Nutzung der künftigen Sportanlage gesprochen worden war – wegen etwa 600 m² Ackerland. „Gestern Abend stand lange in den Sternen, ob überhaupt etwas mit dem Sportplatzbau werden würde. So ist das heutige Ergebnis doch weit mehr, als wir gestern gehofft hatten,“ tröstete mich der Bürgermeister. Das Gelände, auf dem unsere Sportanlage entstehen sollte, wies ein erhebliches Gefälle über die Diagonale auf. Also mussten hier Erdmassen abgetragen, gegenüber aber zunehmend aufgefüllt werden. Dabei wäre ohne nivellieren wohl kaum ein waagerechtes Plateau zustande gekommen, dass ja Voraussetzung für unser Projekt war. Äußerste Sparsamkeit mit den bescheidenen verfügbaren Finanzen hatten wir uns als oberstes Gebot zugeschworen. Diese erste und komplizierte Arbeit konnte jedoch nur von einem fähigen Fachmann verrichtet werden. Der müsste sich obendrein noch bereit erklären, in seiner Freizeit für uns zu arbeiten. Da blitzte mir ein Gedanke auf und der führte mich zu Gottfried Voigt aus Tautenhain. Der war der Chef der PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) Hoch- und –Tiefbau Tautenhain, ausgebildeter Bauingenieur, ein aufgeschlossener und hilfsbereiter Zeitgenosse und obendrein gar noch mein Kegelbruder. Ein Mann also, dem ich unser erstes Problem nahebringen konnte. So bedurfte es in der Tat keiner langen Worte und Gottfried Voigt sagte zu. So trafen wir uns bald darauf eines Sonntagvormittages in Frankenhain. Ich hatte zahlreiche Pflöcke aus meinen Derbstangen von zu Hause mitgebracht. Nach Gottfrieds Beschreibung hatte ich diese an einem Ende angespitzt, am anderen seitlich abgeflacht, um auf die dadurch entstandenen hellen Flächen die entsprechenden Plus- oder Minus-Werte schreiben zu können. Die Pflöcke schlug ich in Abständen von etwa 20 Metern und jeweils zwei Meter von der gedachten Begrenzungslinie entfernt in den Boden.

Gottfried hatte inzwischen den Null-Punkt auf dem Platz ermittelt. Von Pflock zu Pflock wurden nun mit Theodolit und Messlatte die jeweiligen Plus- oder Minuswerte ermittelt, die ich mit wasserfester roter Farbe an die Pflöcke schrieb. Am späten Sonntagnachmittag war der Platz vermessen. Ich trat mit zwei nachhaltigen Eindrücken die Heimfahrt an: Der Platz wies ein erschreckend größeres Gefälle auf als erwartet. Und: Gottfried Voigt wies jegliche Vergütung für seine Arbeit zurück! Doch schon am nächsten Morgen folgte eine derbe Ernüchterung.

An der Nordseite des Platzes hatte ich die Niveaustangen in die etwa kniehohe Luzerne einschlagen müssen. Weithin deutlich sichtbar ragten sie mit den hellen Flächen und den roten Zahlen darauf aus dem Futterbestand heraus. Das hatte aber den Fahrer des Mähladers nicht daran gehindert, die Pflöcke auf der gesamten Länge unter die Räder zu nehmen. Teils zersplittert, teils herausgerissen lagen sie unbrauchbar und fest in die Erde gedrückt auf dem Boden. Das konnte niemals aus Versehen geschehen sein! Als ich wutschnaufend dem Bürgermeister von der Ungeheuerlichkeit berichtete und eine Bestrafung des Fahrers verlangte, versuchte dieser meinen Groll zu dämpfen: „Wenn wir darauf nicht reagieren, treffen wir die Übeltäter mehr, als wenn wir ein Fass aufmachen.“ Mit seiner umsichtigen Ruhe, die allerdings später noch einige Male auf die Probe gestellt werden sollte, überzeugte er mich schließlich.

Am gleichen Tage kam ich mir wie ein kläglicher Bittsteller vor, als ich unseren Vermesser fragen musste, ob er denn bis Donnerstag besagte Strecke nochmals ausnivellieren würde. Gottfried Voigt war außer sich über den Vorgang und sagte mir erneut zu – wiederum, ohne Honorar zu verlangen!

In der Nachbarschaft zur Tautenhainer Hoch- und Tiefbau- PGH hatte die Meliorationsgenossenschaft ihren Sitz. Dieser Betrieb befasste sich in großem Rahmen mit Be- und Entwässerung sowie Tiefbauarbeiten. Die Hilfsbereitschaft der „Meli“ hatte sich vor allem für die Gemeinde Tautenhain äußerst segensreich ausgewirkt. Unsere Schule in Frankenhain pflegte zur Betriebsleitung und einigen Mitarbeitern einen sehr guten Kontakt über sogenannte Patenbrigaden. Diese unterstützten ihre Patenklassen mit bescheidenen finanziellen Mitteln und den Klassenlehrer bei der Erziehung der Schüler zur Achtung der Arbeit – eine sehr wertvolle Wechselbeziehung. Was aber hatte das alles mit unserem Sportplatz zu tun? Vorerst einmal so viel, dass wir mit dem Meli-Vorsitzenden, Herrn Mau und dem Chef des Technik-Parks, Herrn Nickisch, wegen des Planierens des Sportplatzgeländes Verbindung aufnahmen.

Vor Ort und angesichts des erheblichen Niveaugefälles kam das ernüchternde Fazit: „Hier ist mit unserer Technik nichts zu machen!“ Die einzige Möglichkeit, jedoch viel zu aufwendig und darum nicht durchzuführen: Die Bewegung der Massen auf der Achse. Die beiden Männer gaben uns jedoch einen Tipp. In der Tongrube des Klinkerwerkes Narsdorf arbeitet eine betriebseigene „Stalinez“ – Planierraupe. „Wenn ihr dieses Gerät samt Fahrer loseisen könntet, den Antransport würden wir als Patenbetrieb gern übernehmen.“ Diesem Rat gingen wir umgehend nach und es gelang uns tatsächlich, das Großgerät samt Fahrer, Egon Böttcher aus Narsdorf, für uns „anzuheuern“.

Der Chef des Klinkerwerkes war von unserem Mut, solch ein Projekt in Eigenregie und mit Eigenleistung angehen zu wollen, sehr beeindruckt:

„Ich stelle euch den „Stalin“ von Freitagmittag bis Montag, 6 Uhr zur Verfügung. Treibstoff und Fahrer, Ab- und Antransport geht auf eure Kosten. Steht die Raupe am Montag, 6 Uhr, vollgetankt, nicht in unserer Grube, berechne ich euch ohne Gnade pro Stunde Ausfall 70,00 Mark.“

So recht zum Jubeln war uns nach dieser bitterernst gemeinten Androhung nicht, aber immerhin, dem „Ersten Spatenstich“ stand nichts mehr im Wege! Und was stand noch? An einem Spätherbst – Freitagnachmittag des Jahres 1972, gegen 14 Uhr stand die „Stalinez“ –Planierraupe auf der künftigen Baustelle.

Was für ein kolossales Gerät!

Nachdem sich Egon Böttcher das Gelände intensiv angeschaut hatte, packte er die ersten Kubikmeter Mutterboden vor den gewaltigen Schiebeschild seiner Raupe. „Zuerst drücke ich den Mutterboden auf die Seite“, hatte er den ersten Arbeitsschritt erklärt.

„Dann schiebe ich die Massen von links oben nach rechts unten. „Sonntagmittag ist die Arbeit geschafft.“ Das urgewaltige Motorengeräusch der Planierraupe lockte so manchen Frankenhainer an. Staunend sahen wir zu, wie der „Stalin“ mit den Erdmassen zu spielen schien. Und mit Sicherheit wird der eine oder andere Zuschauer bei sich gedacht haben: „Jetzt machen die tatsächlich ernst!“ Den Lehrern indes fiel es am Sonnabend schwer, die Schulkinder bei der Sache zu halten. Zwar hatten wir in den Pausen dem Egon bei seiner Arbeit zugesehen, aber das Motorengeräusch der Raupe dröhnte dumpf bis in die Klassenzimmer, was vor allem die Jungen von einer Zukunft als Raupefahrer träumen ließ. Für den gebotenen Unterrichtsstoff blieb da kaum noch ein Plätzchen frei in so manchem Schülerkopf. Nach Schulschluss besprach ich mit Egon Böttcher noch den Verlauf des Nachmittags und dass ich mit dem Vesperbrot wieder kommen werde. Als ich gegen 15 Uhr von Tautenhain kommend weit hinüber zu unserer Baustelle schaute, die Bebauung des „Haferkornschen“ Betriebsgeländes existierte, wie schon gesagt, damals noch nicht, bot sich mir von weitem ein seltsames Bild: Mitten auf dem Platz erkannte ich nur das Fahrerhaus der Raupe. Je näher ich kam, umso augenscheinlicher wurde mir das Ausmaß dessen gewahr, was sich hier abgespielt hatte. Die Planierraupe hatte sich mit ihrem Schild tief in die Erde gewühlt, oder besser, sie war kopfüber versunken. Unser Raupe Fahrer eröffnete mir mit betretener Miene, dass er mit eigener Kraft hier nicht rauskäme. Das Schlimme sei, dass das Heben und Senken des Schildes mit einem Spill und nicht mit Hydraulik erfolge. Mit dieser Technik hätte er sich selbst herausdrücken können. Was nun? Wie konnte das geschehen? Ich war entsetzt. Statt zu planieren, steckte dieser tonnenschwere Koloss im Dreck. Zugegeben, dies war ein äußerst „nasses“ Grundstück und der vergangene Sommer war zudem sehr regenreich gewesen. Aber eine Planierraupe versinken? Kopfüber? Ich konnte es nicht fassen, ahnte aber den Hergang.

Unser Raupe Fahrer sackte den Schild voll Massen, sprang ab und zu vom fahrenden Gerät, um von weitem zu peilen, wo er sie „verzetteln“ konnte. Bei einem solchen „Absteiger“ wird wohl der Schild in festen Boden geraten sein. Und ehe sich Egon versah, hatte sich der „Stalin“ eingebuddelt. Langes Jammern und Nachdenken half hier nicht. Die Zeit lief unbarmherzig gegen uns. „Eine Zugmaschine muss hier her“, äußerte ich meinen ersten und laienhaften Gedanken. Ehe der Raupe Fahrer seinen Kommentar dazu geben konnte, war ich schon zu Manfred Kipping unterwegs. Nicht nur, dass er mit mir verwandt ist, er galt auch als hilfsbereit und fuhr bei der LPG einen „Belarus“ – Traktor. „Eine Raupe versunken? Wo gibt es denn so was? Ich komme!“ Als er mit seinem Schlepper neben der Raupe stand und sich das Unheil angesehen hatte, nahm er mir alle Illusionen: „Stellt euch vor, man wolle mit einer Mücke einen Elefanten wegziehen.“ Gleichwohl konnte er aber abschätzen, in welcher überaus misslichen Lage wir mit unserem gesamten Vorhaben waren. So fuhr Manfred zurück auf den Technikhof der LPG und schickte die Traktoristen mit ihren Maschinen an den Ort des Jammers, so, wie sie vom Felde kamen.

Schließlich tuckerten acht Zugmaschinen, der gesamte Zugpark der LPG, auf dem Platze. Entsprechend ihrer Stärke ordnete sie Edgar Rössner, der Technik-Brigadier der LPG, vom Heck der abgesackten Raupe aus an: Vom ZT 300 über mehrere Belarus bis zu dem leichten Famulus an der Spitze. Dementsprechend wurden auch die Ketten ausgewählt, die diese Reihe aus Hunderten von PS miteinander verbanden.

Der erste Versuch konnte gestartet werden.

Da es über all dem dunkel geworden war, erwies sich die Verständigung zu einem gleichzeitigen Anpacken der übermäßigen Last als unmöglich. Außer gewaltigem Motorengedröhn und schwarzen Auspuffwolken tat sich nichts! Unsere Hoffnung schwand. — Da kam Edgar Rössner der rettende Gedanke:

„Ich stelle mich auf die Tautenhainer Straße und decke mit meiner Mütze die Taschenlampe ab. Beim dritten Lichtsignal zieht ihr rein und bleibt so lange auf dem Gas stehen, bis die Klamotte raus ist.“ Doch kurz, nachdem alle acht Fahrer das Lichtkommando befolgt hatten, übertönte ein fürchterlicher Knall den Motorenlärm, dem ein Geräusch wie von einem Granatsplitter folgte. „Maschinen Stopp!“

Was war geschehen? Die letzte und stärkste Kette zwischen den Zugmaschinen und der Raupe war zerrissen und das defekte Kettenglied irgendwo davon geschnellt. Unvorstellbar, wenn es jemand der Umherstehenden getroffen hätte! Nachdem unser Schmied, Klaus Schneider, die Kette repariert hatte, wurde, gleich dem Ersten, ein erneuter Versuch gestartet. Die Motoren von acht Zugmaschinen und das gewaltige Aggregat des Stalinez heulten auf. Ein mächtiger Lindwurm im Scheinwerferlicht, Dieselqualm und Gummigestank rutschender Räder und überlasteter Kupplungen setzte sich ganz langsam in Bewegung.

„Zieht, zieht weiter, zieht!“

Meine Stimme ging im Höllenlärm völlig unter. Der Boden unter meinen Füßen zitterte wie Pudding. Überall drang Wasser aus der Erde und bildete kleine Schlicktümpel. Ganz allmählich aber deutlich erkennbar bewegte sich die Raupe rück- und aufwärts.

„Zieht, zieht weiter!“

Und dann stand die Raupe schlammtriefend und in Wolken von Wasserdampf gehüllt auf dem flachen Lande. Traktoristen, der Raupefahrer und viele inzwischen herzugekommene Schaulustige kamen herbei und blickten in einen tiefen Krater, auf dessen Grund sich blubbernd buntschillerndes, nach Diesel stinkendes Brackwasser sammelte. Ich rief Traktoristen, Brigadier und Raupe Fahrer auf die Seite und sagte mit bebender Stimme, einer plötzlichen Eingebung folgend:„Wir gehen jetzt allesamt in die Kneipe zum Meißner, Fritz und dort könnt ihr heute Abend essen und trinken so viel und solange ihr wollt.“ „Lass uns noch die Maschinen nach Hause bringen, dann kommen wir.“ Und alle kamen! Es wurde ein wunderbarer Abend in einer zusammengewürfelten Männerrunde, an die wohl jeder lange gern gedacht hat. Auch der Wirt. Ich aber wusste überhaupt nicht, wie und woher die Zeche bezahlt werden sollte. Diese Sorge nahm mir am nächsten Tag unser Bürgermeister ab, der am „Katastrophentag“ dienstlich außer Ortes gewesen war.

„Genauso hätte ich auch gehandelt“, sagte Ernst Augustin und: „Ich werde mit unserer Finanzchefin, der Müller Siegrid, einen Weg finden und beim Meißner Fritz bezahlen.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen! Einige Tage später kam der Bürgermeister mit finsterer Miene in die Schule und faltete vor mir eine Rechnung aus: Die LPG Frankenhain forderte damit eine erhebliche Summe für den Einsatz von acht Zugmaschinen und Fahrer von der Gemeinde Frankenhain.

In späteren Gesprächen mit den Traktoristen gaben sie mir zu verstehen, dass sie sich für ihren Vorstand schämen. Doch weiter mit der Baugeschichte. Als mein Lehrerkollege Norbert Roth und ich am Sonntagmorgen am Baufeld in Frankenhain eintrafen, hatte der Raupe Fahrer schon einige Stunden gearbeitet. Es galt, die am Vorabend verlorene Zeit wieder aufzuholen. Auf zwei Dinge machte er mich aufmerksam: Da klaffte immer noch der riesige Krater von der versunkenen Raupe, nur, dass er heute zu dreiviertel mit Wasser gefüllt war. „Das Wasser muss raus, bevor ich das Loch zuschiebe“, schrie Egon von seiner tuckernden Raupe herab, „sonst bleibt das ein ewiges Sumpfloch.“ „Dann habe ich einen Stein gefunden. Willst du ihn haben, oder soll ich ihn im Wasserloch verstecken?“ Am Rande des Platzes lag ein riesiger Findling, die „Felsspitze“ also, von der uns Herr Krasselt einmal berichtet hatte. Dieser Koloss erschien uns zu wertvoll, als dass wir ihn dorthin hätten verbuddeln lassen, wo er seit der Eiszeit geruht hatte. „Irgendwann wird er schon genutzt werden. Schieb ihn derweil an die Hecke am Pfarrgarten“, entschied ich. Es war ein faszinierender Anblick, wie die Raupe den mächtigen Findling einem riesigen Ball gleich vor sich her rollte! Wir beide begannen indes das Wasser aus dem Loch zu schöpfen. Das erwies sich bald als Sisyphusarbeit. Da das Gelände jetzt plan war, lief das Wasser schließlich wieder in das Loch zurück. „Hier muss eine starke Pumpe ran – die Feuerwehr“, schlug unser Schmied, Klaus Schneider, vor. Er war selbst Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Frankenhain und hatte uns bei unserem erfolglosen Unterfangen zugeschaut. So dauerte es nicht lange und ein kleiner Trupp der Feuerwehr rückte samt Motorpumpe an. In kurzer Zeit war der Krater leergepumpt. Das Zuschieben und „Festtreten“ mit der Raupe war ein Klacks. Für den Nachmittag war der Abtransport der Raupe geplant. Die „Meli“ hatte den Tieflader wieder bereitgestellt. Die LPG dem Traktorist Dieter Geuthel die Erlaubnis erteil, mit dem ZT 300 vorzuspannen. „Bis gegen 16 Uhr habe ich noch zu schieben“, legte Egon Böttcher die Abfahrtszeit fest. Ein diesiger Herbsttag neigte sich zum Ende, als sich der einstmalige Acker in eine große, ebene Fläche verwandelt hatte und der „Stalinez“ verladen war. Die Strategie für den Abtransport sah so aus, dass Egon mit seinem „Trabant“ und Warnblinkleuchte vorausfahren sollte, weil der Schiebeschild die Ladefläche erheblich überragte. Ich saß als Beifahrer auf dem ZT und sollte bei Bedarf einen Bremsklotz am Tieflader anlegen. Jetzt konnte noch keiner von uns ahnen, welch Höllenfahrt uns bevorstand. Dieter Geuthel legte den Gang ein und trat aufs Gaspedal – immer mehr – noch mehr. Das Gespann rührte sich nicht von der Stelle! Dieter schaltete zurück, sah mich mit schreckensweiten Augen an und sagte: „Noch nie in meinem Leben habe ich vor so einer Last gehangen. Sei mir nicht böse – ich spanne hier aus.“ Es bedurfte unserer ganzen Überzeugungskraft, den Traktoristen zu bewegen, hier und jetzt nicht hinzuschmeißen. Nach der kurvenreichen und schwierigen Strecke vorbei an Tischler Krasselt, Haferkorn, Graichen und Bauer Müller rollten wir endlich auf der Landstraße Richtung Geithain dahin. Nebliger Niederschlag ließ den Straßenbelag glänzen und machte ihn tückisch glatt. Das bekamen wir deutlich in der Grimmaischen Straße in Geithain an „Langhards Berg“ zu spüren: Die Räder des Traktors drehten immer mehr durch. Das Gespann kam immer langsamer voran, obwohl Dieter auf dem Gaspedal stand. Schwarzer Qualm aus Wasserdampf und verbrannten Gummi quoll unter den Reifen heraus, die zwei breite schwarze Spuren auf dem Asphalt hinterließen.

Aber es ging vorwärts, langsam zwar, aber stetig! „Das hätten wir geschafft“, sagte Dieter mit verhaltener Freude, „aber mein Lieber, der Berg hinter der Mosterei … „. Wegen den Kurven an den „Scheunen“ war ein „Anlaufholen“ nicht möglich. So ging unser Gespann den Berg wiederum mit Vollgas und mächtigen Qualmwolken an. Doch, als der Traktor mit seinen Triebrädern auf das feuchte und schmierige Pflaster kam, mit dem die Linkskurve belegt war, kam der ganze Laden zunächst zum Stehen und kroch zu unserem Entsetzen langsam zurück, bei durchdrehenden Triebrädern des ZT 300. „Den Bremsklotz – hau den Bremsklotz darunter!“ schrie mich Dieter an. Ich sprang ab, riss den schweren Klotz aus der Halterung und legte ihn unter die hinteren Zwillingsräder des Tiefladers. Mit Entsetzen sah ich, dass die Zwillinge langsam die Schräge des Bremsklotzes hinauf rollten. Mit lautem Scheppern und Erbeben der gesamten Anhängerlast fielen die Räder hinter dem Klotz auf den Straßenbelag zurück und – rollten weiter. Dieses Szenario wiederholte sich mehrere Male, bis der Tieflader über den rechten Bürgersteig rollte und unser Zug an der Gartenmauer des angrenzenden Grundstücks zum Stehen kam. Blankes Entsetzen bei Beteiligten und Passanten! Zum Glück gab es diese an dem nebligen Sonntagabend nur vereinzelt und Straßenverkehr überhaupt nicht. Unser Gespann stand quer über die Straße und Hoffnung für ein Weiterkommen sah Dieter Geuthel nur durch Vorspannen eines weiteren Traktors. Woher kriegst du an einem regnerischen, nebligen Sonntagabend einen Traktor samt Fahrer? Rettung erhoffte ich durch meinen Verwandten, Rudi Herbst, der um die Ecke auf dem „Neumarkt“ wohnte. Doch Rudi hatte zu Abendbrot sein Bierchen genossen und sagte demzufolge als disziplinierter Kraftfahrer bedauernd ab. Glücklicherweise kannte er auf dem „Neumarkt“ noch zwei weitere Traktoristen, zu denen er mit mir ging. Während der Erste aus gleichen Gründen nicht zusagen konnte, erklärte sich der Zweite nach eindringlichem Zureden meines Verwanden bereit, den „Belarus“- Traktor flott zu machen und vorzuspannen. Während meiner Abwesenheit hatten Dieter Geuthel und Egon Böttcher auf das glitschige Pflaster am Berg Sand gestreut und eine Polizeistreife war aufgetaucht. Auf deren Fragen, wann und wo dieser Schwertransport angemeldet worden sei, hatten wir keine Antwort, weil es darauf gar keine gab. Für lange Vorwürfe und Belehrungen waren weder Zeit noch Muße, denn der „Vorspanner“ rückte an. Mit ohrenbetäubendem Motorengetöse und gewaltiger Qualmentwicklung setzte sich unser Zug langsam in Bewegung. Nach der Kurve, auf flacher Straße, hielt er an, damit der „Vorspanner“ abkoppeln konnte. Doch dieser hatte an dem Trinkgeld, das ich ihm „auf die Faust“ gegeben hatte, wohl so viel Gefallen gefunden, dass er uns seine Hilfe bis hinter die Bahnbrücke anbot. Meine Bitte an die Volkspolizeistreife, unserem Tross mit Blaulicht bis zum Klinkerwerk Narsdorf vorauszufahren – die VP, dein Freund und Helfer – kamen die Genossen leider nicht nach. Und so setzte sich unser Gespann in tiefer Dunkelheit und stockdickem Nebel in Bewegung. Egon in seinem „Trabant“ mit Warnblinker und Signalhupe vorausfahrend, versuchte entgegenkommende Fahrzeuge zum Rechtsfahren und Anhalten zu bewegen. Dieter stand, mit der Nase fast an der Windschutzscheibe, schimpfend und bemüht, den Abstand zwischen linkem und rechtem Straßenrande so zu wählen, dass er einerseits nicht mit dem Gegenverkehr kollidierte, rechts aber auch mit dem überstehenden Schiebeschild der Raupe nicht die Bäume „abrasierte“. Das bei einer Sicht, als ob man gegen eine graue Wand führe. Endlich, es mag wohl 22 Uhr gewesen sein, konnte Egon Böttcher „seinen“ Stalinez vom Tieflader herunter auf die Laderampe fahren. Da lag nun unser Sportplatz im Grobplan.

Doch von Sport konnte natürlich noch keine Rede sein. Wie sollen wir nun weitermachen? „Ihr müsst Luzerne einsäen, die wurzelt tief und macht den Boden gar“, rieten uns Frankenhainer Bauern. Also verwandelte die LPG unseren Platz in einen Futterschlag, unter der Bedingung, dass im Frühjahr nur ein Schnitt erfolgen kann. Wenn auch die Ernte nicht üppig war, so hatte die Bestellung doch ihren Erfolg gezeigt. Nächstes Problem: Der Platz musste dräniert werden!

Wieder standen wir im Chefzimmer der „Meli“ als Bittsteller, mit der Hoffnung, dass uns geholfen werde. Und wie dies der Fall war! „Ich stelle euch den „Meliomat“ samt Besetzung für ein Wochenende kostenlos zur Verfügung, unter einer Bedingung.“ „Und die wäre?“ „Dass wir unser jährliches Betriebssport- und Kinderfest ebenfalls kostenlos auf dem neuen Sportplatz durchführen können.“ Herr Mau hatte noch gar nicht richtig geendet, als Bürgermeister Augustin sein „Selbstverständlich“ herausplatzte. So rollte an einem Sonnabendnachmittag auf einem Tieflader das Dräniergerät an. Ein gewaltiges Fahrzeug auf Raupenketten, das mit einer riesigen schmalen Schar den Boden aufreißt. Dahinein befördert ein Mechanismus die tongebrannten Rohre, die eine Person laufend nachlegt. Das Niveau der Dränage wird durch einen gespannten, ausnivellierten Draht bestimmt, von dem ein Gerät die Dränagentiefe „abfühlt“.

Unsere Schulhausmannsfrau, Frau Birkhofen, versorgte die Männer in den Pausen mit belegten Brötchen, heißem Kaffee und noch heißerem Grog.

Woher nur nahm Frau Birkhofen diese Pausenversorgung und aus welchem Antrieb tat sie das? Sie erlebte aus nächster Nähe, wie sich viele Hände fleißig und opferbereit zum Gelingen des Werkes regten. Dies war ihr Beitrag, und alle direkten und indirekten Nutznießer dankten es ihr.

Der Frühling 1973 war ein windiger Geselle. Immer wieder fegte ein eisiger Ostwind über die freien Felder daher und wollte keine Ruhe geben. Das war zwar unangenehm für die Menschen, für unseren „Sportplatz“ aber von Vorteil: Während die neue Dränage die angestaute Tiefennässe absaugte, nahm der trockene Ostwind die Oberflächennässe mit sich fort. So konnten wir bald trockenen Fußes die geplante Sportanlage auf die planierte Fläche zwischen Tautenhainer Straße und Friedhof projizieren. Eine willkommene Gelegenheit für unseren Mathematiklehrer, Herrn Lorenz, theoretische Geometrie in die Praxis umzusetzen. Manche Unterrichtstunde fand nun mit Bandmaß, Schreibblöcken und Maßpflöcken im Freien statt. Mit etwas Fantasie konnte man so nach und nach die Konturen der neuen Anlage erkennen. Es war gar nicht selbstverständlich, dass unser alter Bekannter, Gottfried Voigt, wiederum anrückte und abermals ohne Honorar das Feinplanieren der Aschenbahn, des Hartplatzes und der Kugelstoßanlage übernahm. Danach zierte ein Wirrsal von rot und grün beschrifteten Holzpflöcken die Gesamtfläche und keiner davon durfte verändert oder gar beseitigt werden.

Wie schon für das Dränieren des Platzes, hatte sich auf unser Bitten hin die „Meli“ Tautenhain für das Erledigen des Feinplanierens bereiterklärt – auch diesmal ohne Forderung! Eines Montags morgens rollte eine kleine gelbe Fiat-Raupe vom Tieflader und stand, leise vor sich hin tuckernd, auf dem weiten windüberfegten Platz. Die soll hier diese riesige Arbeit schaffen? Was nun in den nächsten Tagen folgte, war der einzigartige und unvergessene Soloauftritt eines Meisters seines Faches mit seinem kleinen Arbeitsgerät: Hellfried Köhler aus Prießnitz!


Nach zwei Tagen war vom Feinplanieren nichts mehr zu sehen – im Gegenteil – riesige Halden von Mutterboden türmten sich überall im Rund. Wir waren entsetzt! Und Hellfried, dem wir das unverblümt zu verstehen gaben, antwortete schmunzelnd: „Lasst mich nur machen.“

Unser Entsetzen steigerte sich in gleichem Maße, wie in den nächsten zwei Tagen zwischen dem Mutterboden Halden von toniger, klumpiger Erde emporwuchsen – ein Chaos! Immerhin erkannte man mühelos die Gruben für die künftigen Sportanlagen. Es kam der Sonnabend. „Nun brauche ich die Massen nur noch zu verkrümeln“, tröstete uns Hellfried. Und es kam Herr Nickisch, der Einsatzleiter für die Technik der Meliorationsgenossenschaft:

„Herr Herbst, bei aller Liebe, dieses Gerät arbeitet jetzt volle acht Tage für Null und Nichts bei euch. Wissen sie überhaupt, was das für unseren Betrieb bedeutet? Am Montagmorgen steht die Raupe punkt 6 Uhr auf unserem Bauplatz in x-Stadt. Das meine ich bitterernst!“ Noch nie hatte ich diesen ruhigen, sachlichen Mann so grollend erlebt. Derweil fuhr Hellfried hin und her und kreuz und quer über den Platz, bis spät in den Sonnabendabend hinein und den gesamten Sonntag, ohne Rast und Ruh. Sonntagabend offenbarte er mir: „Gottfried, ich brauche am Montag noch vier Stunden.

Gib dem Tiefladerfahrer „fuffzig“ Mark, dass er bis um acht wartet und seine Klappe hält!“ Punkt acht am nächsten Morgen kroch die Raupe auf den Tieflader. Seit vier Uhr morgens hatte Hellfried Köhler unserem Sportplatz den letzten Schliff gegeben: Planierung vom Feinsten samt maß- und höhengerecht gefertigter Vertiefungen für sämtliche Sportanlagen, ohne dass auch nur ein einziger Kubikmeter Erde auf der Achse transportiert wurde.

Eine Meisterleistung!

Irgendwann in diesen Tagen hatte unser Bürgermeister die Rasenkantensteine bestellt. Diese rollten eines Vormittages auf einem Lastzug an. Etwa 1000 Meter Betonplatten, Spezialanfertigung für Sportplätze, 50 mal 50 cm mit halber Abrundung. Zweitausend Platten mit erheblichem Eigengewicht mussten schnellstens per Hand entladen werden. Kann man sich vorstellen, dass unser amtierender Direktor, Henry Lorenz, zu diesem Zwecke den Unterricht abbrach, dass einige Lehrer und die kräftigsten Schüler der 8. Klasse Ketten bildeten und die wertvolle Fracht nach geraumer Zeit am Boden aufgestapelt hatte. Ja, genau so geschah es. Auch die Gemeindearbeiter mit ihrem Chef, dem Bürgermeister, reihten sich mit ein, um die teure Standzeit des LKW-Zuges zu minimieren. Diesen Riesenstapel Rasenkantensteine galt es nun, Stück für Stück, höhengerecht und in Waage einzubauen. Wir begannen damit an einem Sonntagmorgen mit der rechten Kante, der 100-m-Bahn, weil dort die Höhenpfähle steckten. Dies sollte die Richtkante für den gesamten Platz werden. Eine Reihe einschlägig begabter Eltern war unserer Einladung gefolgt und so ging es forsch und fachmännisch an die Arbeit. Als etwa 30 Meter Kante gesetzt waren, begann ich zu stutzen: Mir schien, als ob die eingebaute Kante bergauf laufe. Mit einem langen Richtbrett und der Wasserwaage kontrollierte ich nach und stellte tatsächlich fest – die Kante lief bergauf. Sollten unsere Helfer gepfuscht haben? Niemals! Worin aber lag die Ursache?

Um das ohne großes Aufsehen ergründen zu können, schickte ich die Leute vorzeitig zum Frühstück, zu deren Verwunderung. Ich aber rutschte auf den Knien auf und ab, maß wieder und wieder nach und stellte schließlich fest, dass unsere Maßpflöcke von einem zum anderen systematisch mehr und mehr aus dem Boden gezogen worden waren. Das sah wirklich nicht wie ein Lausbubenstreich aus. Als die Leute vom Frühstück zurückkamen, war die Aufregung groß: „Anzeige!“ „Kriminalpolizei!“ In das Stimmgewirr von Zorn und Aufregung hinein riet Bürgermeister Augustin: „Wer auch immer den Bau sabotieren wollte, sein größter Ärger wird wohl in der Reaktions- und Erfolglosigkeit seines schändlichen Tuns bestehen. Wenn wir hier ruhig und besonnen den Schaden beheben, ist der Zorn auf seiner Seite.“ Das hieß für die heutigen Helfer – Feierabend.

Für mich hieß das, ein abermaliger Bittgang zu Gottfried Voigt, die Bahn erneut einzumessen. Nachdem das am nächsten Wochenende geschehen war, konnte die Arbeit wieder aufgenommen werden. Schaden: Verlorene acht Tage und das Honorar für unseren geduldigen Vermesser. In den folgenden Tagen und Wochen wurden vor allem die „Drei Musketiere von Frankenhain“ aktiv. Martin Neubert, Erich Kreher und Ewald Lichtenstein machten sich als Rentner, ansonsten für die Gemeinde, nutzbar, wo und wann auch immer ihre Hilfe gebraucht wurde. Jetzt hatte sie der Bürgermeister „bis auf weiteres“ für den Sportplatzbau abgestellt. In zwei „Brigaden“, Ewald und Erich sowie Martin und ich, bauten wir an den Nachmittagen die Rasenkanten ein.


Vormittags konnte ich wegen des Schulunterrichtes nicht dabei sein. Diese Arbeit musste peinlich genau nach den Höhenpflöcken und der Richtschnur erfolgen. Die 300 m–Innenbahnkante gingen wir in entgegengesetzter Richtung an. In den Kurven musste jeder Stein zudem auch noch radiusgenau eingemessen werden. Das geschah mit einer langen Schnur, die im Mittelpunkt des Vollkreises an einem Pflock befestigt war. Als wir uns nach Tagen immer weiter aufeinander zu arbeiteten, stand die Scherzfrage im Raum: „Wie hoch wird die Stufe auf der 300 m – Rundbahn wohl ausfallen?“ Es erfüllte uns mit Stolz, als der letzte Stein gesetzt wurde. Beide Trupps hatten millimetergenau gearbeitet.

Auch die Arbeit des Vermessers, des Raupe Fahrers und die der kleinen Geologen mit unserem Mathematiklehrer, Herrn Lorenz, erwies sich jetzt als äußerst präzise. Der letzte Stein der Rundbahn-Innenkante wurde mit einem kleinen „Richtfest“ gefeiert und mit einem Fläschchen Bier begossen.

Es folgten die Rasenkanten für die Außenbegrenzung der Rundbahn, die der Weitsprung und Kugelstoßanlage sowie für den Hartplatz. Unsere „Drei Musketiere“ zogen unentwegt die „Spur der Steine“. Wohlweislich blieben an vorgesehenen Stellen Gassen frei, um künftig Material für den Ausbau der Sportanlagen einfahren zu können. Es existierte genug Lektüre, in der ich mich schlau machen konnte, wie eine Laufbahn oder ein Hartplatz aufgebaut werden muss: Schotter –  Grobkies – Feinkies – Steinsand. Das las sich alles sehr einfach, aber: Es mussten Steine her.

Überall an Waldrändern, Rainen und Feldwegen lagerte Material, das beim „Steine Lesen“ der LPG zusammengetragen worden war. Jeweils im Frühjahr zogen meist Frauen mit Körben über die abgetrockneten Saatfelder und lasen die Steine auf, die beim Hantieren der Felder immer wieder an die Oberfläche kamen. Auf diese Steinhaufen hatte ich es abgesehen. Doch als die ersten, mühselig herangekarrten Steine am Anfang der 120 x 6 m – Bahn lagen, erfüllte mich Schaudern: Nie, nie und nimmer reichten die Steine von den Feldern der LPG!

Selbst, wenn man die größten Brocken zerschlug, was wir aus Verzweiflung anfangs auch taten, selbst wenn man die Steinhaufen von den Feldern der umliegenden LPG` s heranschaffen würde – aussichtslos. 

Eines Tages sagte sie zu mir: „Morgen rollt der erste Schotter an.“ Tatsächlich, während des Unterrichtes am nächsten Tag hörte ich lautes Hupen. Vor der Schule standen zwei Skoda – LKW` s, vollbeladen mit Schotter. Da kam die Hilfe in Gestalt einer Frau. Gertraud (Traudel) Lorenz, die Frau unseres Mathematiklehrers, war damals Bürgermeisterin in Hopfgarten. „Ihr schindet euch mit eurer Steinsammelei kaputt und kommt trotzdem nicht ans Ziel“ schätzte Traudel angesichts der ersten Steinhäuflein auf der künftigen Aschenbahn ein. Damit sprach sie aus, was jedem von uns im Stillen bewusst war. Für Baumaßnahmen hatte Hopfgarten Schotter aus Hartmannsdorf bezogen. Diese Verbindung nutzte Traudel Lorenz. Durch persönliche Gespräche mit der Werksleitung, erreichte sie, dass zum Sportplatzbau außer Kontingent 300t Schotter geliefert wurden.

„Hau ab und weise die Fahrer ein“, half mir Henry Lorenz aus der Not, „ich gehe derweil in deine Klasse.“ So ging es weiter, Tag für Tag, bis schließlich überall um das Sportplatzgelände auf allen verfügbaren Flächen 300 Tonnen bester Granitschotter lagerten. Sogar Privatpersonen hatten ohne Zögern Flächen zur Verfügung gestellt. Und die Bezahlung? Das war Sache von Bürgermeister Ernst Augustin.

Ein Ereignis, das uns anfangs sehr erschütterte und später in großes Erstaunen versetzte, will ich hier noch erwähnen.

Unser Schmied, dessen Grundstück am Weg zur Schule und zum Sportplatz liegt und davon durch einen Lattenzaun getrennt ist, stand aufgebracht auf dem Korridor der Schule und wetterte: „Ein Schotterfahrer hat meinen Zaun „zernischelt“!“ Vor Ort ein wütender Skodafahrer, zersplitterte Zaunsfelder und verbogene Eisensäulen. Hier stand der wetternde LKW – Fahrer: „Ich werde meine Kollegen warnen, nie wieder hierher in solche Sauzufahrten zu fahren!“ Da stand Klaus Schneider: „Ich verlange, dass der Zaun wieder so hergerichtet wird, wie er vorher war.“ Als der LKW – Fahrer unter Krachen und Splittern von Riegel und Latten zu Lagerplatz abgefahren war, versuchte ich, unseren Schmied zu besänftigen: „Ich besorge Material und wir beheben den Schaden gemeinsam.“ Das brachte Klaus vollends auf die Palme: „Ich rühre hier keinen Finger, das sollen die machen, die es verbockt haben.“

Nach einem Anruf bei der Kraftverkehr – Firma erschien der Chef persönlich. Er besah sich den Ort des Grauens genau und lange und sagte zu unserer aller Überraschung: „Wir sind ein Betrieb, in dem jeder materielle Eigenverantwortung übernommen hat. Hier liegt ganz klar ein grober Fahrfehler vor.

Der Kollege wird am kommenden Sonntag den angerichteten Schaden beheben. Wie, das ist seine Sache. Sie melden sich, sobald dies in einwandfreier Qualität erfolgt ist.“ Als besagter Kraftfahrer am Sonntagfrüh mit PKW – Anhänger voller Material, mit Werkzeug und ein paar Helfern sehr kleinlaut hier auftauchte, staunten wir über alle Maßen. Und wir schmunzelten auch – hinter vorgehaltener Hand. Fairerweise!

Nach erfreulicher, wie auch aufregender Schotterlieferung und – Lagerung stand ein neues Problem an:

Wie sollen wir die Massen an Ort und Stelle bekommen? Der Transport mit Traktorgespann oder LKW kam nicht in Frage. Das hätten die mühsam versetzten Rasenkanten nicht ohne erheblichen Schaden überstanden. Da kam mir ein erfolgsversprechender Gedanke.

In meinem Heimatort Tautenhain besaß ein Bürger einen kleinen Diesel – Muldenkipper. Die Spurbreite müsste problemlos in die Rasensteingasse der Rundbahn passen. Durch die Dreiradausstattung mit lenkbarem Hinterrad ist der Frontkipper äußerst wendig. Das könnte die Lösung sein! Nachdem ich Robert Staubach unsere Not beschrieben und die Anfrage nach einem ausleihen seines Fahrzeuges gestellt hatte, sagte er zu.

Es folgten die Verhandlung über eine anständige Vergütung und eine kurze „Fahrschule“ mit dem Kipper. Unter der Bedingung, nur ich solle das Fahrzeug führen und der Abmachung, dass wir es so lange wie möglich behalten können, tuckerte ich von Staubachs Grundstück nach Frankenhain.

In der Folgezeit geschah auf dem Platz Bemerkenswertes!

Sieben- und Achtklässler sowie ehemalige Schüler unserer Schule in ihrer Freizeit, Eltern unserer Schüler und Lehrer nach ihrer Arbeit, beluden mit Gabelschaufeln den Kleinkipper und ich fuhr und fuhr. Es bedurfte keiner langen Rede, dass uns der Chef des ortsansässigen KfZ – Instandsetzungsbetriebes (KAI), Gerhard Haferkorn, den RS 09, einen Geräteträger, samt Fahrer zu Verfügung stellte. Mit diesem Gerät wurden im Betrieb KfZ-Fahrerhäuser bewegt.

Für unsere Zwecke aber musste es mit einer Baggerschaufel ausgerüstet werden. Das war eine aufwändige Prozedur. Bald wurde der RS 09 im Betrieb gebraucht, bald bei uns zum Verteilen der Steinhaufen auf den Anlagen oder gelegentlich zum Laden des Schotters auf den Kipper. Die Geduld und Großzügigkeit des KAI – Chefs war erstaunlich. Manchmal aber riss sein Geduldsfaden, wenn auf dem Hof be- oder entladen werden musste, der Fahrer, Siegfried Heinich aber zurückmelden ließ: „Bloß noch eine halbe Stunde für die Verteilung der letzten paar Haufen!“

Die Feinverteilung des Schotters aber übernahmen unsere Kleinen. Vier-, Fünf- und Sechstklässler in anfallenden Freistunden wie auch an Nachmittagen und auch die Kinder des Schulhortes mit ihrer Hortnerin, Gisela Hentzschel, schwärmten auf dem Sportplatz aus. Wie auf einem Ameisenhaufen wimmelte es zuweilen auf dem Platz. Und hinterher waren die Steine so sauber verteilt, dass auch nicht ein einziger aus der Schotterschicht herausragte. Saubere Arbeit mit euren kleinen fleißigen flinken Händen, ihr Mädchen und Jungen von damals!

Zum Schluss dieser Mühen fehlte uns auf dem Hartplatz eine einzige LKW-Ladung Schotter.

Über die Schüler ließen wir an die Eltern übermitteln, dass sie, so vorhanden, auf die offenen Fläche Hartschutt abkippen können. Wer schildert mein Entsetzen, als ich eines Morgens feststellen musste, dass jemand bei Nacht und Nebel abgehackten Putz verkippt hatte! Man hätte, ja, man hätte diesen Mulm nicht verbauen sollen.

Wir waren aber durch die Arbeit der letzten Wochen alle müde geworden und irgendwie abgestumpft. So kam es später, dass sich gerade auf dem Hartplatz als Ausweichmöglichkeit für regnerische Tage und aufgeweichten Rasen die größte Pfütze bildete. Während die übrigen Anlagen schon abzutrocknen begannen, stand das Wasser noch lange auf unserem Hartplatz, weil sich der mürbe Schutt darunter völlig verdichtet hatte. Ein Zustand, der unseren Ärger immer wieder anregte auf den damaligen Frevler – und auf uns selbst. Als nächstens wurde zuerst der Grobkies angefahren und verteilt, danach die „Creme“ – der Feinsteinsand. Zum Antransport wurde dafür vom Abteilungsleiter des VEB (Volkseigener Betrieb) Kraftverkehr Geithain, Herrn Noczenski, ein Fahrer beauftragt, der die Massen mit seinem bulligen „Russenkipper“ heranschleppte. Der Einsatzbereitschaft Christoph Papes ist es zu verdanken, dass dies ohne Unterbrechung und zügig geschah. Je nachdem, wie das Material im Lieferbetrieb „frei wurde“, war Christoph mit seinem Kipper zu Stelle: Tagsüber zu seiner offiziellen Arbeitszeit, aber auch nachts außerhalb derselben. Dabei kippte er so geschickt ab, dass die Steinsandschicht fast immer die geforderte Stärke erreichte. Geringe Korrekturen erledigten wir mit dem „Staubach – Kipper“.

Das Verteilen von Kies und Steinsand lief ähnlich dem des Schotters ab. Nur, dass manchmal auch die Steppkes des Frankenhainer Kindergartens mit ihren Erzieherinnen und mit Spielschaufeln ausgerüstet auftauchten. Wenn ihr emsiges Schippen logischerweise auch keinen sichtbaren Erfolg brachte, so lobten wir die Kleinen dafür, dass auch sie ihren „Anteil“ zum Sportplatzbau beitrugen.

Die aufgebrachte Schicht galt es nun zu verdichten. Dafür stellte uns die PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) Hoch- und Tiefbau Tautenhain eine Motorrüttelplatte zur Verfügung. Niemand hat die Stunden gezählt, während der wir mit diesem Gerät auf den Anlagen des Sportplatzes unsere Bahn zogen, hin und her, kreuz und quer. Und niemand zählte die Stunden, während der wir das Vehikel reparieren mussten.

Von den Kubikmetern Wasser ganz zu schweigen, die das Verdichten erleichterten. Das alles war für uns eigentlich nur zu ertragen, weil dahinter der Erfolg unserer jahrelangen Arbeit deutlich sichtbar wurde. Jetzt war Frühjahr, die beste Zeit zum Einsäen des Rasens.

In der Drogerie von Wolfgang Hirsch in Geithain erkundigte ich mich danach, wie viel denn Sportplatz – Grassamen für unsere Flächen nötig wäre. Als mir der Drogerist die Menge nannte, staunte ich, als er mir den Preis nannte, stockte mir der Atem: 3.000,00 Mark!

Die Geldquellen, die bisher geflossen waren, gaben kaum noch etwas her. So hockten wir schließlich zusammen und grübelten, woher denn die Summe aufzutreiben sein könnte. In dieser scheinbaren Ausweglosigkeit erklärte sich der Bürgermeister bereit zu versuchen, das Geld beim Rat des Kreises Geithain herauszukitzeln. Als das Geld als „zweckgebundene Mittel“ tatsächlich zur Verfügung gestellt wurde, kam Henry Lorenz mit einem famosen Vorschlag zu mir: „In wenigen Jahren sieht der teure Sportplatzrasen wie jede normale Wiese aus – Löwenzahn, Weißklee und Genossen. In Stadtgebieten mag der Rasen sauber bleiben, aber hier? Kaufe Grassamen für 1.500,00 Mark, für das verbleibende Geld aber einen Rasenmäher.“ Großartige Idee, sofort zum Bürgermeister! Der fing ebenfalls sofort Feuer: „Das Geld ist zwar zweckgebunden, trotzdem werde ich das beim Rat des Kreises versuchen.“

Und so kam er eines Tages mit dem Bescheid: Grassamen für 1.500,00 ja, Rasenmäher für 1.500,00 ja, mit einer Auflage. Das Gerät steht in Frankenhain als Eigentum der Gemeinde und wird von Ebersbach mit genutzt. Letzteres gefiel uns zwar nicht so recht, aber sei es drum.

Nebenbei bemerkt gab Ebersbach später das Nutzungsrecht ohnehin auf: Ab- und Antransport waren zu umständlich und zu teuer. So standen also bald ein paar stattliche Säcke Grassamen im Sportplatzschuppen und der Bürgermeister bestellte einen modernen Aufsitzer–Rasenmäher.

Bei günstigem Wetter bereitete die LPG Frankenhain all die Großflächen zur Einsaat vor. Auf Böschungen und Kleinflächen geschah das in Handarbeit zahlreicher Helfer. So konnte ich an einem herrlichen Frühlingstag 1974 mit Herzklopfen den Rasen „breitwürfig“ (so stand es auf den Säcken) einsäen. Meine Sorge, dass Samen fehlen oder welcher übrigbleiben könnte, erwies sich am Ende dieser Arbeit als unbegründet. Schließlich ging alles bis auf Gramm und Quadratmeter auf.

Für den nächsten Tag war „Wandertag“ unserer Schule angesetzt. Und die Wanderziele?

Für die Kleinen wie üblich Sehenswürdigkeiten in der nahen Umgebung. Für die Großen?  Der Sportplatz!

tAlle Schüler und Lehrer sollten sich acht Uhr mit einem Eisenrechen ausgerüstet dort einfinden. In breiter Linie stellten sich alle über die gesamte Breite des Platzes auf. Nun wurde mit viel Hallo und Begeisterung der Grassamen „eingerecht“. Dabei hatten wir die Linie so postiert, dass sie den Wind in den Rücken bekam. Andernfalls hätte die gesamte Truppe in der aufgewirbelten Staubwolke gestanden.

Wie ein riesiger Wurm mit vielen grabbelnden Beinen zog das „Rechkommando“ über den Platz. Die kräftigsten Jungen und die Lehrer luden die zusammengerechten Steine und harten Erdklumpen auf Schubkarren und transportierten sie ab.

So lag am Mittag ein herrliches Saatbett überall dort, wo wir uns in unserer Fantasie sattgrünen Rasen vorstellten.

All den Mädchen und Jungen, den „Rechern von Frankenhain“, die damals mit auf dem Platz standen und den Lehrern ist es schließlich auch zu danken, dass aus der Vorstellung bald Wirklichkeit wurde.

Bald verschwand das erdige Braun und wich ganz allmählich einem zarten grün.

Der Rasen indes wuchs und wuchs, aber der Rasenmäher wurde nicht geliefert: „Das sind bei uns die üblichen Wartezeiten.“

Endlich stand das Gerät auf dem Schulhof. Wir waren alle hoch erfreut und bestaunten die himmelblaue, in sich lenkbare Trommelmähmaschine.

Das Mähgut wird in einer Fangmulde gesammelt und kann zu Schwaden ausgeworfen werden. Eine Walze hinter dem Mähwerk sorgt gleichzeitig für das Anwalzen des Rasens. Die „Jungfernfahrt“ im knöchelhohen dichten Gras glich allerdings einer Höllentour: Bald vergaß ich das Auswerfen, dann lenkte ich zu spät ein und immer wieder verstopfte vom viel zu hohen Gras das Mähwerk. Die Zahlreichen Zuschauer schüttelten zweifelnd den Kopf, und auch ich war am Verzweifeln.

Doch mit der Zeit kamen wir mit der neuen Technik immer besser zurecht, so dass bald ein sattgrüner Rasen im Kontrast zu den dunkelroten Anlageflächen zur Zierde unseres neuen Sportplatzes wurde.

Als Teilziel hatten wir uns die Fertigstellung der 110,0 m-Laufbahn und der Weitsprunganlage gestellt.

Der Fernwettkampf aller Schulen im Kreis Geithain um die „Urkunde des Staatsrates“ musste auf den neuen Anlagen stattfinden, damit unsere Mädchen und Jungen endlich ihr wahres Leistungsvermögen umsetzen konnten. Diesem Ziel ordneten wir alle anderen Arbeiten unter!

So konnte tatsächlich am 31.06.1974 das erste Startsignal auf der neuen Aschenbahn ertönen.

Unsere Schüler bedankten sich mit hervorragenden Leistungen.

Ab diesem Tag kamen Sportfunktionäre und die Konkurrenz im Kreis und oft auch im Bezirk Leipzig nicht aus dem Staunen heraus und es hieß bei Leichtathletik-Wettkämpfen immer öfter: „Achtet auf die Sportler aus Frankenhain!“

Eines Tages kam der Frauendorfer Rolf Steinert zu mir.

Seine Kinder besuchten unsere Schule, er selbst war Bürgermeister in Niedergräfenhain und hatte trotz seiner

beruflichen Belastung oft bei Arbeitseinsätzen beim Sportplatzbau mit zugepackt. „Was hältst du davon.“, fragte er mich mit spitzbübischem Lächeln, „wenn wir den Hartplatz mit Tiefstrahlern ausstatten.“ Ich glaubte, der gute Rolf wollte mich zum Narren halten: „Wozu diesen Luxus, woher das Material, wer kann das bezahlen?“ „Die Fußball begeisterte Jugend, die nach Feierabend kicken will, wird es uns danken.“, argumentierte Rolf Steinert.

Das leuchtete mir ein.

Als er schließlich erläuterte, dass er aus „Restbeständen“ vom Bau der Niedergräfenhainer Ortsbeleuchtung zwei Masten samt Strahlern und dem nötigen Erdkabel locker für uns zu „sehr günstigen“ Bedingungen abzweigen könne, willigte auch unser Bürgermeister ein. So wurde die Elternschaft erneut zum Arbeitseinsatz gerufen. Dem folgten am festgelegten Sonnabend so viele Leute, vor allem auch Jugendliche, dass kaum Platz für alle war. Das Ausschachten des Kabelgrabens und der Mastlöcher war darum schnell geschafft.

LoJetzt folgte das Aufrichten der Masten, die – ruck – zuck – in ihren Löchern steckten. Bis zu einer gewissen Neigung war das kein Problem. Doch je höher wir den Mast wuchteten, desto größer wurde die Last und immer weniger fanden Platz zum Stemmen. Auch Stricke halfen nicht, da der Mast immer wieder seitlich wegkippte. Dabei riss er Massen von Erde in die Grube, so dass die Grubensohle nicht mehr höhengerecht blieb.

Es war zum Verzweifeln!

Da hörte ich auf der Straße von der Schmiede her das Tuckern eines Dieselmotors. Ist das gar ein Mobilkran?

Ich lief, so schnell ich konnte, zur Straße hin und erwischte das Fahrzeug gerade noch, um den Fahrer abwinken zu können.

Gemeinschaftlicher Jubel, dass es sich tatsächlich um ein starkes Gerät handelte und – dass der Fahrer ein guter Bekannter aus Leupahn war.

Japsend schilderte ich unser Problem und schloss die Frage an, ob er uns aus der Patsche helfen könnte.

Ohne Zögern rückte er mit seinem Kran an. Es dauerte keine halbe Stunde und unsere zwei Masten standen lotrecht und festgestampft an Ort und Stelle.  


Mit unserem Dank für seine spontane Hilfsbereitschaft, ein Trinkgeld hatte er strikt abgelehnt, tuckerte unser unverhoffter Helfer auf der Landstraße weiter.

 Welch ein Hallo, als nach späteren Installationsarbeiten an einem Abend erstmals die Strahler eingeschaltet wurden!

„Weltniveau“! Danke, Rolf Steinert.

Nun konnte auch der Termin für die offizielle Einweihungsfeier festgelegt werden.

Wir entschieden uns für den 21. September 1974.

Bis dahin war die Sportanlage noch komplett auszustatten.

Die Basketballständer vom alten Sportplatz wurden aufgemotzt und erhielten an den Schmalseiten des Hartplatzes ihren Standort. Unser Schmied, Klaus Schneider, baute nach meinem Entwurf ein Turn- und Klettergerüst und schweißte es vor Ort zusammen, desgleichen maßgerechte Handballtore. Die Kampfrichterbühne hatten unsere „Drei Musketiere“ unter Leitung ihres „Poliers“, Willi Fritzsche, in den letzten Wochen an der 100 m – Bahn gemauert. Und die Fußballtore! Wir hatten diese nach Maßvorgabe bei der PGH Hoch- und Tiefbau Tautenhain bestellt. In Ermangelung von entsprechendem Massivholz konnten diese allerdings nur aus zwei zusammengenagelten Pfosten geliefert werden.

Macht nichts – wir brauchen Fußballtore. Eines Wochentags wurden sie geliefert – aber wie!

Just zu diesem Zeitpunkt hielt ich im Giebelklassenzimmer der Schule, mit herrlichem Blick auf den Sportplatz, Unterricht.

Da sah ich mit Entsetzen, wie ein Traktor mit Hänger und aufgeladenen Torbalken quer über den Platz gefahren kommt. „Ich bin gleich wieder da.“, rief ich den Schülern zu, die gar nicht mitbekommen hatten, warum ich aus dem Klassenzimmer sprintete. Auf dem Platz stoppte ich außer Atem den Amokfahrer, der mit seinem Zug schon die Rasenkantensteine in den Boden gepresst hatte und tiefe Spurrinnen auf dem jungen Rasen hinterließ. Was ich ihm zuschrie, will ich hier lieber nicht wiedergeben. Erfreulich schließlich, dass wir unsere Tore hatten. Erfreulich auch, dass nach unserer Beschwerde beim Betrieb Gleiches wie damals mit dem ungeschickten Steinefahrer geschah: Der „Amok-Traktorist“ erschien eines Sonntagvormittags, hob die versenkten Rasenkanten, füllte die Spurrinnen mit Mutterboden und säte darauf Grassamen ein. Den Samen stellten wir ihm zur Verfügung, damit seine Schandtat nicht über Jahre sichtbar sein würde.

Verdiente Pause der Helfer!

Endlich war der Platz „einweihungswürdig“ hergerichtet.

Obwohl die Schüler unserer Schule im Sportunterricht die Anlagen schon „in Besitz“ genommen hatten, freuten wir uns auf das Fest zur Einweihung und Erstnutzung unseres Sportplatzes.

Diese herrlichen Tage mit Sport, Spaß und Spiel für jedermann bleiben unvergessen und wären einer gesonderten Geschichte wert.

Drei Dörfer feierten das gelungene Werk. Höhepunkt war die sonnabendliche Festveranstaltung auf dem Saal des Gasthofes Meißner in Oberfrankenhain am 21. September 1974. Alle Erwachsenen, die über die Jahre mit Hand oder Geist angelegt hatte, waren mit ihren Ehepartnern geladen.

Der Saal war proppevoll.

Nach Dankesreden, Auszeichnungen und einem Festschmaus wurde das Tanzbein geschwungen und in Gruppen oder Grüppchen über Baustorys der vergangenen Jahre geschmunzelt und gelacht.

Hier bei Meißners, wo alles angefangen hatte, schloss sich der Kreis.

Nachwort

Wenn junge Leute diese Geschichte heute lesen sollten, werden sie sich fragen:

„Die ganze Plackerei haben die damals alle ohne Bezahlung gemacht?“

Ja, das war ein hervorstechendes Merkmal jener Zeit. So schufen sich Bürger Kindergärten und Verkaufsstellen, wie in Frankenhain, und Sportstätten.

Keiner kam aus Zwang, niemand stellte Forderungen. Sie kamen einfach.

So auch, nach zähem Beginn, in Frankenhain. Die Erfolge stellten sich bald ein.

Unsere Schule stand bei innerschulischen Leichtathletik-Wettbewerben immer mit auf dem „Treppchen“. Die jungen Leichtathleten heimsten bei Kinder- und Jugendspartakiaden Medaillen „en mass“ ein.

Die Jugendlichen unserer Schulorte jagten mit immer größeren Erfolgen dem Fußball nach – Mädchen wie Jungen, bei Tage und – unter Tiefstrahlern.


Ja, der Fußball! Für Punktspiele war der Platz zu klein.

So traten die Fußballer nach den umwälzenden Ereignissen um 1990 an den Gemeinderat heran, dem ich damals auch angehörte, mit der Anfrage, ob der Platz nicht vergrößert werden könnte. Da die Schule nur noch Grundschüler besuchen, würde wohl die 300 m – Bahn ohnehin nicht mehr gebraucht.

Ich stimmte damals zu, sehr zum Entsetzen des Gemeinderates Wolfgang Berger, der als Hausmeister der Schule den Platz über Jahre hinweg mit Mühe gepflegt hatte.

„Du hast dort Blut und Wasser geschwitzt und jetzt befürwortest du die Zerstörung dieses Werks!“

Bald hatte auch er die Zeichen der Zeit erkannt.

Unsere Fußballerinnen und Fußballer geben uns die richtige Antwort.

Es war ein richtiger Beschluss.

Und schließlich noch ein Erfolg.

Ohne den Sportplatz neben der Schule hätte der Schulstandort Frankenhain wohl zugunsten von Prießnitz keinen Bestand gehabt!

Im Ringen um diesen Zuschlag konnten wir Frankenhain-Befürworter immer wieder die Sportanlage als Argument in die heiße Diskussion werfen:

Hier liegt eine weite windgeschützte Freifläche mit unendlichen Möglichkeiten für Sport und Spiel so günstig neben der Schule, dass unsere Kleinen keinen Fuß auf die Straße setzen müssen, auf den Weg dorthin.


Mehr Vorteile kann ein Sportplatz nicht aufweisen.

Geschaffen von Hunderten fleißigen Händen, große kräftige und kleine schwache zum Bau einer Sportstätte, wo einst Fritz Meißner Kartoffeln erntete, Max Krasselt eine „Felsspitze“ freilegen wollte und die LPG Feldfutter für ihr Vieh anbaute.

Frankenhain, 2009

1976
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Gottfried Herbst, ehemaliger Lehrer der Schule in Frankenhain schrieb diese Erzählung zur Erinnerung an den Bau der Sportstätte.


2023

Text: Gottfried Herbst

Fotos: Archiv Henry Lorenz, Burkardt Stenchly

Recherche, Layout und Druck: Burkhardt Stenchly, Jan Tusche

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